Initiative Lebenstiere e. V.                           


             

Abschiede 2021

Lotte, * 26. März 2001 bis 19.04.2021

„Ich habe ein erfülltes Leben gelebt.

Ich habe so ziemlich jede Erfahrung gemacht.

Und mehr, viel mehr als das:

Ich hab's auf meine Art getan.“

(Frank Sinatra)


Lotte, du warst immer unvergleichlich, in deiner Art zu Sein! Wenn dir etwas nicht gepasst hat, dann hast du das deutlich gemacht. So wie du warst, haben wir dich respektiert und geliebt. Wir konnten gar nicht anders.  

Kurz vor der Geburt deines Sohns wollte man dich vom Milchbetrieb hin zum Schlachter abschieben. Deine Retterin hat sich dazwischen geworfen und so einen gewaltsamen Tod von dir und deinem noch ungeborenen Kalb verhindert. Du zogst bei Ihr ein und konntest deinen Sohn Linus behütet auf die Welt bringen.

Dein Sohn ist inzwischen 15 Jahre alt und wir haben erst vor Kurzem deinen 20. Geburtstag feiern können. Dabei geriet dein Leben vor drei Jahren wieder aus den Fugen, als deine Retterin sich verzweifelt bei uns meldete.

Ihr Mann hatte sich für eine Trennung entschieden und die Aufgabe von Ehe, Haus und Hof beschlossen. Ihr habt Euer Zuhause verloren und Eure Retterin hatte große Angst um dich und deine kleine Herde. Wir entschlossen uns zu helfen und haben es nicht bereut. Du hast alles auf deine Art gemacht. Einen Strick um den Kopf, hast du nicht akzeptiert. Du hast grundsätzlich darauf bestanden, Zeit zu bekommen, dir alles, genau anzuschauen und zu überlegen. Die erste Spritze vom Tierarzt hast du mit einem gezielten Tritt beantwortet. Bei der Klauenpflege half nur Geduld und ein Eimer mit Getreideschrot. Dann warst du auch bereit dich geschickt mit deinen großen Hörnern in den Klauenstand zu bewegen. Du hast schattige Schubberbäume geliebt und hast immer auf deinen Sohn Linus aufgepasst. Ihr wart unzertrennlich.

Nun hast du den Start der Weidesaison noch abgewartet und die ersten schönen Tage auf der Weide genossen. Du hast dir am ersten sonnigen Tag noch den leichtem Frühlingswind um die Ohren wehen lassen. Dann hast Du dir noch die zarten Halme schmecken lassen. Gerade warst du noch am grasen. Dann hat dein Herz beschlossen, dass es nun allmählich lange und kräftig genug geschlagen hat. Du bist zu Boden gesunken und hast diese Welt in Frieden verlassen. Du hast es auf deine Art getan.

Nichts und niemand hat dir dabei weh getan, niemand hat dir Gewalt angetan oder Stress gemacht. An diesem Frühlingstag hast du deine letzte Reise angetreten und passt nun von irgendwo weit hinter den Wolken weiter auf deinen Sohn auf. Wir versprechen dir, dass wir auch deinem Sohn weiterhin nichts tun, was dir nicht passen würde.

Hier ist noch das Video von Deiner Ankunft vor drei Jahren

https://www.youtube.com/watch?v=qeO5NDbfsBA

Ach Lotte, es ist so unfassbar, dass du nicht mehr hier bei uns ist. Dennoch sind wir froh, dass wir dich kennen und erleben durften. Denn du wart genau richtig, so wie du warst und genauso wirst du unvergessen bleiben

Vielen Dank an alle Menschen, die Lotte mit ihrer Patenschaft ein selbstbestimmtes Leben als Lebenskuh ermöglicht haben und lieben Dank auch an unseren Partnerlandwirt Andreas, der Lotte immer zuverlässig mit viel Sachverstand und Fürsorge umsorgt hat.

Lotte, dieses Lied ist für Dich:

https://www.youtube.com/watch?v=PWUChqDaQ24


Roswita, * 11.12.2014 bis 09.04.2021

Halt‘ mich fest und spür‘ die Liebe, trage euch in meinem Herzen, Worte streicheln meine Seele,
Leb‘ wohl! Auf bald! Das Segel liegt im Wind.

Liebe Roswita, wir wussten, dass die Zeit des Abschieds näher rückte und doch hofften wir, dass du noch lange bei uns bleibst. Viel zu kurz war deine Zeit auf dieser Erde und doch sind wir für jede Minute dankbar, die wir mit dir hatten. Sechs Jahre alt bist du geworden. Wir lernten Dich kennen, als Landwirt Siegbert beschlossen hatte, keine Tiere mehr dem Schlachter auszuliefern. Du bist auf dem Hof geboren und hast die Verwandlung vom Nutzhof in einen Lebenshof miterleben können. Der Umbau brachte es mit sich, dass wir die Ketten lösten und du dich mit deiner Herde auch in den Wintermonaten frei bewegen und als Lebenskuh selbst entscheiden konntest, ob du im Stall oder draußen sein magst.

Du hast diese Ausweitung des selbstbestimmten Lebens sehr genossen und im Schutz der Herde als Lebenskuh deinen kleinen Sohn Robin auf die Welt gebracht. So fürsorglich hast du dich um ihn gekümmert, so dass er schnell zu einem kräftigen Kerlchen heranwuchs. Doch während dein Kleiner immer mehr zulegte, wurdest du immer weniger. Zunächst schien es, als gibst du eben alles an dein Kalb. Doch bald wurde klar, dass mehr dahinter steckte. Der Schock war groß, als klar wurde, dass du eine unheilbare Darmerkrankung hattest, die bereits in dir schlummerte und nach der Geburt von Robin ausgebrochen ist. Die Prognosen reichten von drei bis sechs Monaten restlicher Lebenszeit.
Doch wir wollten uns nicht unterkriegen lassen und du hattest keine Schmerzen sondern immer Freude am Leben.

Bauer Siegbert schleppte säckeweise Karotten für dich ran, es gab Leinsamen, Futterkohle, Extramineralien und allerlei Leckereien. Zeitweise schien es so, als würdest du wieder kräftiger werden und du legtest sogar wieder an Gewicht zu. Doch leider verlief die Krankheit in Schüben und trotz großem Appetit und riesigen Futterportionen blieb kaum noch etwas auf den Rippen hängen.
Nachts bekamst du dein eigenes Abteil, wo du in Ruhe ungestört futtern konntest. Mehr als zwei Jahre waren nun nach Ausbruch der Krankheit vergangen. Dank Siegberts guter Pflege und deinem unbändigen Lebenswillen, hast du deutlich länger durchgehalten als prognostiziert.
Doch dann kam der Tag, an dem dein Körper nicht mehr konnte.  Du lagst und warst zu schwach aufzustehen. Die Zeit war gekommen. Du bist friedlich und geborgen in den Armen von Landwirt Siegbert eingeschlafen. In den Armen von demjenigen, der sich vor drei Jahren dafür entschieden hat, einen anderen Weg einzuschlagen. damit keines der Tiere in seiner Obhut mehr gewaltsam in einem Schlachthof getötet wird. Du konntest geliebt und in Frieden gehen.        
Wir wussten, dass dieser Tag nahte. Und doch wirst du hier unendlich fehlen, liebe Roswita.

„Und alle Lichter leuchten, wie ein weißes Wintermeer, alle Lichter steigen himmelhoch
Und funkeln über mir, hell wie tausend Farben, wie ein buntes Lichtermeer
Alle Lichter leuchten himmelweit,  Neuland liegt vor mir.“
Dieses Lied ist für Dich:      
https://www.youtube.com/watch?v=S2cDqb570lg        
                   

Sansa, * 13.10.2005 bis 20.01.2021

„Ich lass' dich frei, mein Engel. Schlafe ein.
Wenn ich in den Himmel seh', wirst du bei mir sein.
Ich lass' dich frei. Wir hatten unsere Zeit, voller Zuversicht und Licht
Voller Wärme, Zauber, Liebe. Hast mich gelehrt, was wichtig ist.“

Wie leer ist es hier, ohne Dich. Deine durchdringende Stimme fehlt. Dein Muhen, das immer erklang, wenn du eine(n) von uns hörtest. Du fehlst. Jahrelang musstest du den Menschen dienen. Über 100.000 Liter Milch haben sie dir abgemolken. Rund 50 Millionen Liter Blut musste dein Herz bisher für diese Menge an Milch durch deine Adern pumpen. Elf Geburten hast du überstanden, ohne je eines deiner Kälbchen aufziehen zu dürfen. Alles hast du erduldet. Durch die Zusammenarbeit mit der White Paw Organisation gelang es uns, dich in letzter Sekunde noch vor einem gewaltsamen Tod im Schlachthaus zu bewahren. Zwei Veterinärämter und der Schlachthändler stimmten zu und erteilten die erforderlichen Genehmigungen.

Deine Zeit als Milchkuh hat Spuren hinterlassen. Völlig ausgezehrt, mit dicken Gelenken und Verformungen der Beine und Wirbelsäule kamst du hier an. Ein Bild des Elends. Vielen Menschen, standen die Tränen in den Augen, als sie dich sahen. Doch solange du aus eigener Kraft aufstehen, laufen und dich freuen konntest, solltest du endlich dein Leben genießen dürfen, ohne jemals noch jemandem dienen zu müssen. Das haben wir dir versprochen. Einfach frei sein. Frei von Erwartungen, Zwängen, Leistungsdruck.

Wieviel Staunen lag in deinem Blick, als du das erste Mal in deinem Leben eine Weide betreten und frisches Gras geschmeckt hast. Wieviel Vorfreude lag in deiner Stimme, wenn du das Klappern der Futtereimer hörtest. Das weiche Stroh, war eine Wohltat für deine geschundenen Gelenke, die bisher fast nur Spaltenboden kannten. Mit wie viel Kraft und Entschlossenheit, bist du immer wieder aufgestanden und hast allen deinen starken Willen gezeigt. Wie unendlich viel Sanftheit lag in deinen Augen, wenn du uns angesehen hast. Täglich strichen hier Hände liebevoll über dein weiches Fell, bewegten dich zum Aufstehen, um zu schauen, ob alles okay ist. Du bekamst osteopathische Behandlungen und eine Infrarot-Decke für die Durchblutung. Liebe Menschen schickten Teufelskralle-Ingwer-Saft und Ergänzungsmittel zum Kraft tanken. Oh wie schön war es zu sehen, wie du das alles genießen konntest!         

Dann kam der Winter und der Tag, an dem du nicht mehr aufstehen konntest. Noch immer strichen Hände über dein Fell. Dein Muhen war entschlossen und dein Blick noch so aufmerksam. Wir wollten nicht aufgeben. Doch deine Kraft schwand, trotz Infusionen, Beinmassagen, Schmerzmittel, Hebeversuchen.      

Liebe heißt auch Loszulassen. Doch das ist nicht leicht, wenn uns eine so ausdruckstarke Kuh in die Augen blickt, für die wir uns einfach nur unendliches Glück wünschen. Eine durchschnittliche Milchkuh wird im Alter von etwa fünf Jahren aussortiert, weil sie da meist am Ende ihrer Leistungsfähigkeit ist. Du hast über 15 Jahre durchgehalten.

Sansa, du bleibst unvergesslich. Nimm die Farben der Sommerwiesen mit, nimm die Erinnerungen an die Sonnenstrahlen, an deine lieben Herdenmitglieder, an streichelnde Hände und an den Geschmack der Wiesenkräuter mit. Fühl dich von unserer Liebe begleitet  


Dieses Lied ist für Dich:
https://www.youtube.com/watch?v=tUYJZwZIGuo

Hier ist nochmal das Video von deinen ersten Schritten auf der Weide
https://www.youtube.com/watch?v=DwFLq4MHvAU&t=80s

Mehr zu Sansa


Anke, * 12.06.1997 bis 15.01.2021

Lass mich dein Reiseführer sein, ich kann dir helfen die Liebe zu erreichen, die du in dir fühlst“ (Paul McCartney, Find my way)
Als die Kraft zu Ende war, hast du uns nicht verlassen. Du bist nur mutig vorangegangen. Mond und Sterne mögen dir immer leuchten und die Wiesen des Himmels immer saftig sein.

Noch immer ist es so unfassbar. Doch du bist schon immer voran gelaufen, während andere noch zögerten. So war das mit dir. Du wusstest immer wo es langgeht. Deine Beine sind nun schwer geworden. Sie konnten dich nicht mehr tragen. Schwer geworden sind auch dein heller Kopf und deine wachen, aufmerksamen Augen. Du hast dich ins weiche Stroh gebettet und dich noch über deine geliebten Apfelstückchen und Rübenschnitzel gefreut. Wir haben uns so sehr gewünscht, dass du wieder aufspringst und losläufst. In einer Zeit, in der es  schwer möglich ist, in die Ferne zu reisen, hast du die Menschen ins Innere ihrer Herzen geführt.  Du hast so vielen gezeigt, dass Kühe echte, liebenswerte Persönlichkeiten mit Verstand und Charakter sein können.  So viel hast du bewegt, so viele Herzen hast du erreicht. Doch dein eigenes Herz hat so lange, so eifrig geschlagen, dass es des Schlagens müde geworden war. Da hat deine Seele die Flügel gespannt und ist mutig losgeflogen.

Wenn du deinen Namen gehört hast, bist du noch bis vor Kurzem freudig über die Weide getrabt und hast dir deine Extraportionen abgeholt. Die hast du dir von niemandem nehmen lassen, auch wenn andere ihre Nase in deinen Eimer stecken wollten. In den letzten Tagen hast du es auch mit Hilfe nicht mehr geschafft auf deinen Beinen zu stehen. Unser Tierarzt war täglich da. Du hast noch dein Heu geknabbert, wiedergekäut, das angebotene Wasser getrunken und dich über Leckereien gefreut. Du warst bis zuletzt immer die Leitkuh. In deinem vorherigen Zuhause hast du auch mal beschlossen, deine Weide zu verlassen, als du fandest, dass es an der Zeit für eine neue Weide war. Also bist du mit der ganzen Herde losgelaufen, den langen, weiten Waldweg entlang. Du kanntest den Weg und alle anderen haben dir vertraut. So hast du alle sicher zur neuen Weide geführt. Während wir dich hier so sehr vermissen, stehst du vielleicht nun schon auf einer uns unbekannten Weide über den Wolken und lässt es dir gut gehen.

Du hast es in die Zeitung, ins Radio, ins Fernsehen und aufs Cover unseres Kalenders geschafft und souverän ohne Starallüren für die Kamera posiert. Du bleibst eine beeindruckende Persönlichkeit und es war uns eine große Ehre, deinen Weg ein Stück begleiten zu dürfen. Wir haben noch die Rinderklinik Hannover zur Beratung hinzugezogen. Da es für Rinder keine Herzspezialisten gibt, haben wir noch Rat bei einer Herzspezialistin für Pferde eingeholt. Wir standen in ständigem Kontakt mit dem Landwirt, bei dem du geboren bist. Er hat dich 23 lange Jahre gepflegt und entschieden, dass du deinen Lebensabend auf einem Lebenshof verbringen sollst, statt dich zum Metzger zu bringen. Du bist in Würde gegangen und in Frieden eingeschlafen, ohne allein zu sein.  So wie wir es uns für jedes Lebewesen wünschen. Die liebe Miss Sophie und Hofleiter Sebastian waren an deiner Seite. Als der Tierarzt eintraf, bist du schon vorangegangen. Wir haben uns so sehr noch mehr Zeit mit dir gewünscht.

Doch in unseren Erinnerungen und in all deinen Kindern und Enkeln, die noch da sind, lebst du weiter. Danke an den Landwirt, der dich 23 Jahre gepflegt hat, an das Team des Lebenshofs Diebel Ranch
, wo du noch eine so schöne letzte Zeit, eine liebevolle Pflege und einen würdevollen Abschied bekommen hast, an die Nachbarn, die sich für deine Rettung und die deiner Enkelin Amelie stark gemacht haben und an all die lieben Patenmenschen, die das Ganze getragen haben.   

Ja, vielleicht sind wir Träumer*innen, wenn wir uns eine friedliche Welt und ein Leben und Abschied in Würde für alle wünschen. Doch wir sind nicht die einzigen. Wir hoffen, wir werden noch mehr und die ganze Welt wird eines Tages eins sein  

https://www.youtube.com/watch?v=UJ4rsrTxEjY

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